• Lena

Verstand vs. Gefühl


Klar, mein Verstand versteht, warum wir nun alle maskiert durch die Gegend rennen. Mein Körper und meine Psyche verstehen es jedoch nicht. Ich zögere jeden Gang in den Supermarkt so lange raus, bis mir zum Frühstück nur noch die Reste von der Pizza gestern Abend bleiben.


Während ich mir die Maske über mein Gesicht ziehe und den Chip in den Einkaufswagen stecke, atme ich mehrmals ganz tief ein und aus und wappne mich für die kommenden Minuten. Die Verkäuferin macht mir sehr schnell ziemlich deutlich, dass es hier darum geht, möglichst zügig meinen Einkaufszettel abzuarbeiten und dann bitte so kontaktlos wie möglich wieder den Laden zu verlassen. Also spute ich von Gang zu Gang und beschränke mich aufs Nötigste. Ich merke, wie sich eine Enge in mir ausbreitet und der Kloß im Hals immer größer wird. Keine soziale Interaktion, keine Resonanz der anderen über ihre Mimik. Ich freue mich direkt, als mich das maskenlose Gesicht der Kassiererin anschaut – sie wirkt zwar gestresst, aber immerhin kann ich eine menschliche Reaktion sehen.


Nachdem ich meinen Einkauf in meiner Tasche verstaut habe, meinen Wagen zurückschiebe und ich wieder raus an die frische Luft trete, überkommt es mich, dieses unfassbar traurige Gefühl. Ich kann gar nichts dagegen machen. Mein Körper zeigt mir sehr deutlich, wie es ihm mit diesem physical distancing geht – beschissen. Mein Verstand erklärt mir erneut ganz geduldig, warum das alles einen Sinn hat und redet mir gut zu, dass ich mich schon noch daran gewöhnen werde. Und trotzdem bleibt die Traurigkeit, die Fassungslosigkeit über diese ganze Situation. Und nein, ich sage nicht, dass ich die Maßnahmen übertrieben finde. Aber ich merke von Woche zu Woche deutlicher, welche Auswirkungen diese auf mich und die Menschen in meiner Umgebung haben.

Natürlich versuche auch ich ins Vertrauen zu gehen, mich dem Fluss des Lebens hinzugeben - wann könnten wir es besser lernen als im Moment, auch wenn wir oft das Gefühl haben, dass hier so gar nichts im Fluss ist. Und selten habe ich so deutlich gespürt, dass ich mir meine Gefühle mit meinem Verstand nicht schönreden kann. Sie sind wie sie sind und ich erlaube ihnen, durch mich hindurchzufließen.


Vielleicht schaffen wir es ja ab und zu, in den Moment der Ungewissheit einzutauchen. Uns trotz der Maskierung und des physical distancings miteinander verbunden und als Teil eines großen Ganzen zu erleben. Für mich bedeutet das, Kontrolle und Stabilität im Außen abzugeben, die Härte im Geist aufzuweichen, die volle Verantwortung für mich, mein Leben und mein Handeln zu übernehmen und dabei eine innere Stärke zu entwickeln. Eine innere Stärke, die geprägt ist von Mut und Klarheit und dabei eine wundervolle Weichheit und Flexibilität enthält.

©2020 by LENA VOITH

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